Mittwoch, 10. November 2010

telekommunikationswahnsinn

früher hieß es "hallo - hier spricht blablabla, wie geht es dir?" oder "wir haben uns ja lange nicht mehr gesprochen. erzähl doch mal - was machst du so?" - immerhin worte wirklichen interesses. heute dagegen besteht die erste frage viel zu häufig aus den lächerlich herausgekotzten drei worten:
"wo bist du?"
es soll hier nicht der eindruck entstehen, ich würde solche mobiltelefonate nicht mögen - denn vielmehr hasse ich sie!

es ist doch völlig wumpe, wo man sich befindet - man ist ja allem anschein nach nicht dort, wo der gesprächspartner herumlungert. und wäre man an jenem ort, hätte sich das telefonat auch schon erübrigt. trotzdem ruft der im grunde zutiefst bemitleidenswerte telekommunikationsjunkie in den meisten fällen sogar zurück:
"auf dem weg. bis gleich."
totaler schwachsinn - natürlich ist man auf dem weg...
"beeil dich ma!"
"ok. ich sag dem schaffner gleich bescheid, dass wir die nächsten beiden bahnhöfe auslassen."
nun sollte man meinen, dass durch diese subversive argumentationsweise dem telekommunikativen gegenüber zu verstehen gegeben wurde, dass jetzt gut is mit dem gefragescheiß. aber nix da. 5 minuten später vibrierts inner tasche. sms.
"hast du das geschenk dabei?"
"ja"
"ok. ich dachte schon, du hättest es vergessen. das wär peinlich geworden, oder?"
womit wir beim nächsten punkt der hässlichkeit mobiler telekommunikation angelangt wären - der gehäuchelten freundlichkeitsspirale in den gesellschaftlichen gesprächstod - dem krankhaften verfassen von gegenfragen in kurznachrichten. ja reicht es denn nicht, sich die frage einfach beantworten zu lassen? ständig wird man genötigt, sich zu irgendeinem quatsch mit "ja" oder "nein" auszulassen. wie schön war doch die zeit der analogen telefonlotterie. man sah die nummer des anrufenden nicht und haderte mit sich selbst - finanzamt, oder freundin? nicht abnehmen, oder das blöde gequatsche antun?

schön. mittlerweile kann man sich ja wirklich aussuchen, ob abgenommen wird oder nicht. nur blöd dabei, dass schon beim ersten mal der terror beginnt. fünf minuten auf lautlos gestellt, 5 entgangene anrufe, 20 ungelesene sms. so oft könne man ja gar nicht aufm pott sitzen - und ob was passiert wäre. ob denn alles in ordnung ist und was man sich eigentlich einbilden würde! beim anrufen und akku-leer-klingeln-lassen verstreicht anscheinend zu viel zeit - da tippt es sich für den geübten stalkerdaumen um längen schneller. mittlerweile schafft die handyhand ja mehr anschläge pro minute als die usa zu ihren besten zeiten. das sind keine kurznachrichten mehr, das sind ganze pamphlete, die da anschließend umständlich gelöscht werden müssen!

und dann noch das elendige instantmessagegechatte im internet die ganze zeit. wenn jemand was möchte soll er es doch einfach schreiben. ich möchte gar nicht wissen, wie viele an mich gerichtete "hi!" und "na du?!" mittlerweile unbeantwortet im netz versauern. dafür ist diese kacke doch gemacht: um zu schreiben, was man will, auch wenn der andere gerade nicht erreichbar ist. er ist es ja eben wohl. stichwort telekommunikationskompetenz - anscheinend völlig überschätzt.

seit jahren befinde ich mich nun im selbstversuch und langsam stellen sich erste ergebnisse ein. durchschnittlich muss man nur etwa drei monate lang täglich mehrmals mit fragen nach dem derzeitigen aufenthaltsort drangsaliert werden, bis man zusammenbricht und zum analogen telefonanschluss zurückkehren will. aber dann wird der spieß umgedreht, kollegen. keine nummer mehr, die mich verrät und keine kurznachrichten. nur noch mit modemgepiepe ins gemachte netz. dann wird zurückgerufen! obwohl... telekommunikation wird sowieso überbewertet.