Samstag, 14. Mai 2011

urinstinkte I

es gibt nicht viele dinge, die alles überstanden haben, was der mensch sich in seiner evolution so ausgedacht hat. heute möchte ich deshalb derer drei huldigen, ohne die der hochmoderne alltag nicht halb so aufregend wäre.

tarnen.
früher hat man sich irgendeine klebrige braune pampe an den wanst geschmiert oder nen brombeerbusch auf den rücken getackert - man wurde eins mit der natur und war für feind und beute schlichtweg nicht mehr zu erkennen. das in der überraschung des gegenüber bestehende moment war eine äußerst heimtückische waffe, die ihrem anwender kaum erfahrung oder können abverlangte. tarnen konnte sich im grunde jeder. hauptsache, man sah anschließend aus wie moorleiche oder komposthaufen.

jagen.
neben dem einsammeln von gemüse der wohl wichtigste bestandteil im urzeitlichen tagesablauf. das nachstellen, fangen und erlegen von zellwandlosem futtermaterial diente zur festigung der rangordnung und positionierung in der gesellschaft. auch wurde der keuchende leib gerecht verteilt: der langsame jäger bekam die lunge, der alte das hirn und der kranke das herz - und so hatte jeder was davon.

fressen.
eine erfolgreiche jagd wurde zünftig gefeiert. das dampfende fleisch über dem feuer röstend mit gesang und tanz der ganzen bagage zur vertilgung gestellt. mutti machte einen schönen obstsalat, vati knallte sich mit den onkels die vergorenen früchte hinter den latz und für die kinder war immer mal wieder ne tracht prügel fällig, weil sie den elefantenhoden nicht aufgegessen hatten. ein happening für jung und alt.

nun mögen sich viele leser wehmutsvoll diese vergangene zeit des wohlgefallens zurückwünschen - aber ich kann euch beruhigen: tarnung, jagd und fraß haben überlebt - sie sehen nur anders aus, heutzutage...

die pampe ist nicht mehr braun und aus dem schlammloch hinter den akazien, sondern milchig-weiß und von schlecker. klebt aber ganz ähnlich. weil das milchig-weiße geschlonze nicht mehr so gut tarnt, nagelt man sich heute ne pilotenbrille auf den riechkolben oder hackt sich schmierige beautypräparate in die fresse. aus mangel an erfahrung und können ist man jetzt für feind und beute nicht mehr zu erkennen und geht als schleimiger flugkommandant irgendeines sultanats getarnt - oder als pseudobordsteinschwalbe auf begattungstour. der zeitpunkt der überraschung hat sich in die frühen morgenstunden verlagert, in denen man zum ersten mal den streich entdeckt, den augen und hormone uns gestern abend gespielt haben. mimikry!

von erfolgreichen beutezügen hört man zur genüge, steigt doch die scheidungsrate beständig weiter an. wer sich so keine adäquate position in der gesellschaft sichern konnte, quält seine ohnehin bereits geschundene raucherlunge durch unermüdliches training oder wird zum greisen professor in molekularbiologie und kunsthistorik. einzig die völlig bekloppten verlieben sich bei jeder gelegenheit - und so hat jeder was davon.

wenigstens hat sich bei der futtervertilgung nicht ganz so viel verändert. gegrillt wird wie eh und je. dazu gesoffen, getanzt und am ende irgendjemand verhauen. immer wieder ein happening.

quintessenz: urinstinkte wohin man blickt - ob innenstadt, liegewiese oder festival. so betrachtet ist die evolution ne spannende sache und jeder sollte mal auf die blödbacken um sich herum achten. obwohl... achtung wird sowieso überbewertet.