Dienstag, 12. Juni 2012

wenn sie das haus verlässt II

du träumst von der guten alten zeit in der freiwilligen feuerwehr, wo nach jeder übung der grill angeschmissen und durst mit bier anstatt mit magen-darm-tee gelöscht wurde. das wiederholte klingeln deines handys wird bereits zum vierten mal in den traum eingebaut:
"nicht erreichbar zu sein, bedeutet viel zu tun zu haben!"
während du dich gerade wieder auf die andere seite drehst und kurz vorm wegsegeln den blick durchs zimmer schweifen lässt, klopft irgend ein idiot wie angestochen an der tür. du entscheidest dich für die üblichen 30 sekunden, die du dich sonst auch immer tot stellst, wenn dich jemand zu wecken versucht. immerhin hat dir das schon häufig zeugenpack, gez, vermieterin und verkehr vom hals gehalten. diesmal scheint ein besonders penetranter spinner an der pforte zu randalieren und nach drei minuten bist du schließlich wach genug, um aus dem bett zu springen und dem affen ohne vorwarnung eins auf die zwiebel zu geben.

chuck norris im kopf stapfst du schlaftrunken in richtung tür. du holst tief luft als dir plötzlich klar wird, dass da wohl doch niemand dein letztes hemd will, sondern sich die aufbackbrötchen von vorhin in der mikrowellen-grill-kombi spontan selbst entzündet haben. mit einer hand öffnest du im vorbeirennen die wohnungstür, mit der anderen greifst du nach der halbvollen tasse magen-darm-tee, die von der heiligen barbara in weiser voraussicht auf der anrichte stehengelassen wurde.

durch schwaden von schwarzem rauch erahnst du die ungefähre position des 2500 watt einzugsgeschenkes, holst aus - und nach einem knall erklingt von leisem knistern begleitet zum letzten mal das helle glöckchen:
"schatz, die brötchen sind fertig!"
flüstert dir von hinten dein nachbar ins ohr, dreht sich um, faselt dabei irgendwas von feuerwehr abbestellen und geht. die tür fällt ins schloss. ruhe is. einen augenblick lang lauschst du andächtig der stille - bis dein handy diesen moment jäh unterbricht. wacher als geplant schaust du aufs display. madame bovary.
"ich habe vergessen, die mikrowelle auszuschalten. nicht, dass da noch was passiert! und denk zur abwechslung mal an die blumen! ich weiß ja, dass du auf vertrocknetes gemüse stehst - aber meine orchideen brauchen etwas mehr aufmerksamkeit als deine gruselige ex!"
bei der gelegenheit schaltest du auf durchzug und blickst beim öffnen der fenster wie zum abschied auf dein altes bett, das sich mit letzter kraft der hydraulik des müllwagens entgegenstemmt. ein fernes knacken lässt dich auf dem weg in den keller kurz innehalten. jök is schlimmer as pien!

Sonntag, 3. Juni 2012

wenn sie das haus verlässt I

das frühstück heute morgen brachte mich auf die hanebüchene idee, einen vor jahren begonnenen eintrag zu ende zu schreiben - ein unterfangen, das ich bislang relativ gut zu umkurven und vermeiden verstand. in der rückschau kommen ja sogar mir die meisten texte recht seltsam vor. trotzdem verabschiede ich mich ungern von ideen. vor allem, wenn sie durch gewisse anonymisierungsmaßnahmen auf bestimmte personen und gruppen zurückgeführt werden können. hier schreibe ich nun im namen all derer, die einen verlorengeglaubten teil ihres seelenfriedens erst dann finden, wenn der drache am frühen morgen das haus mit den worten
"ich fahr dann mal zu meinen eltern. bis dann!"
verlässt. ich habe mich beim verfassen an den ergebnissen empirischer sozialforschung orientiert und kann mit gutem gewissen behaupten, dass ich ganz anders bin. alleine schon, weil ausnahmen die regel bestätigen:

die tür fällt ins schloss. ruhe is. um den schein zu wahren hast du natürlich auch an diesem denkwürdigen tag die alte alleine frühstücken lassen und nur höflichkeitshalber mit furchen im gesicht und schlaf im auge bis zu diesem zeitpunkt am küchentisch herumgelungert. deinen kaffee nippend und noch nicht ganz sauber in der birne schmachtest du die reste der aufbackbrötchen an und hoffst, dass die florence nightingale des hauses vor der abreise die vorratskammer nochmal ordentlich aufgestockt hat. ein blick in den kühlschrank verschafft dir schnelle ernüchterung. war ja nicht anders zu erwarten...
"mehr freiheit schafft mehr vertrauen",
murmelst du leise vor dich hin. das vertrauen der verschwundenen patriarchin darauf, dass du schon selbst weißt, wie man ohne frondienste überlebt, wird mit einem tiefen schluck direkt aus der bio-milchtüte heruntergespült. was nicht klumpig ist, kann schließlich nicht schlecht sein. vertrauen in das mindesthaltbarkeitsdatum und die kühlleistung des nagelneuen a++-gerätes schon gar nicht. während du dir eine scheibe cervelatwurst ins esszimmer schiebst, sondierst du kurz dein kulinarisches schicksal. an feiertagen bleiben halbfettmargarine und gemüse unangetastet, so viel steht fest. viel mehr zu tasten gibts dann aber auch nicht. was bringt einem der teuerste, aber dafür stromsparendste apparat auf dem markt, wenn er nicht einmal bis zur hälfte gefüllt ist? noch schnell ein stück vom gouda abgebissen, wankst du fürs erste zurück ins schlafzimmer.

nach kurzer überlegung entscheidest du dich hier für die klamotten von gestern, die verstreut auf dem fußboden liegen. schließlich wurde dir am vorabend nach der flasche cabernet im zustand ungewohnter entschlussfreudigkeit das versprechen abgerungen, die wohnung zukünftig in halbwegs aufgeräumtem zustand zu halten. außerdem erwartest du heute keinen besuch. bei der gelegenheit nimmst du dir vor, endlich das regal ihrer königlichen hoheit an die wohnzimmerwand zu bringen,
"...und dieser hässliche dispersionsunfall, den du dir mit deiner schlampe von ex damals zusammen ausgesucht hast, verschwindet gefälligst auch bald aus dem flur!"
...erinnerst du dich fragmentär an den gescheiterten versuch, das allabendliche wortgefecht vor dem einschlafen zu gewinnen. ihr radiowecker schmeißt dir in glühend roten ziffern die zeit ins gesicht. punkt 9 uhr. du legst dich kurz nochmal auf die neue bettwäsche aus mikrofaser, unter der du seit kurzem so schwitzen musst. mit dem gedanken an dein altes bett, das unten an der straße steht und sich wahrscheinlich auch gerade an bessere zeiten erinnert, schläfst du ein. jök is schlimmer as pien!

Montag, 28. Mai 2012

urinstinkte II

grundsätzlich ist an der 30 nichts auszusetzen. man hofft zwar immer, dass mit der 30 dann doch irgendwie alles anders wird und sowieso... aber diese hoffnung kann man getrost in die tonne kloppen - denn mit 30 ändert sich eigentlich überhaupt nichts.

bei 27° im schatten ölt man sich die unterhose voll. jede art von bewegung hinterlässt sofort diesen glitschigen schweißrand im hemd, der einem in der fußgängerzone seine eigene straßenseite beschert. mit dieser waffe könnte man demonstrationen auflösen und ganze kriege für sich entscheiden. nachts schläft man bei angekipptem fenster, weil einem die natürliche angst vor dem erstickungstod innewohnt.

bei 28° geben kühlschrank und froster ihren geist auf. in der küche macht sich ein sud aus speiseeis, zerlassener butter und erdbeerquark auf dem linoleum breit. mit geöffnetem backofen und festgestelltem toaster werden erste gegenmaßnahmen ergriffen. feuer mit feuer bekämpfen heißt die devise. nachts stehen alle fenster des hauses weit geöffnet. der durchzug ändert das mikroklima - während im bad die kacheln vor hitze von der wand platzen gibt es im wohnzimmer erste anzeichen von ausgedehnten sanddünen und urtümlichen kraterlandschaften.

bei 29° fangen die wasserleitungen im haus an zu glühen. ohne den einsatz von hilfsmitteln wird duschen unmöglich. nur noch wasserkocher und kaffeemaschine regulieren die temperatur vom brühenden h2o auf ein erträgliches maß. verschließbare gefäße sind mangelware. alles, was irgendwie zur kühlung beitragen könnte, wird genutzt. das dampfbügeleisen lindert die durch brüllende sonne hervorgerufenen verbrennungen nur noch kurzzeitig. fenstergläser verflüssigen sich. mit allerletzter kraft füllt man die badewanne, schnappt sich sein lieblingskissen und köchelt fortan nachts im email. zu ertrinken, weiß man, ist besser als zu ersticken.

mit 30 ändert sich eigentlich überhaupt nichts. gut - kreislauf und kopf machen schon bei 26° nicht mehr so mit und auch sonst geht es körperlich eher steil bergab - aber der instinktive drang, selbst unter den härtesten bedingungen das eigene überleben zu sichern, ist vorhandener denn je! obwohl... kreislauf und kopf werden sowieso überbewertet.

Freitag, 18. Mai 2012

vom pfad zur richtigen tür

mittlerweile sollte sich schon rumgesprochen haben, dass mindestens die hälfte meiner mitbevölkerung ihren verstand morgens auf dem küchentisch vergisst. diese einst als unheilvolle vorahnung abgestempelte genugtuung manifestiert sich allerdings in den letzten wochen zur gewissheit. und - so gern ich es auch täte - rede ich nicht mehr nur von 60 oder 70 prozent. nein. irgendwie haben plötzlich alle einen an der waffel und ich frage mich, wie die leute morgens die tür finden, um das haus zu verlassen!

da war die groß angekündigte moorexkursion. der geschicktere guckt sich am abend vor abmarsch noch kurz den wetterbericht an, erkennt apokalyptische wolkenformationen auf dem satellitenfilm und legt die lange unterhose, den anorak und den flachmann im ankleidezimmer zurecht. der ungeschicktere hingegen taucht im minirock mit sandalen im moor auf, friert sich die extremitäten steif und stöckelt wie ein storch auf rohen eiern durch den torf. einzige augenweide: 
"nippel, da kannste ne nasse lederjacke dran aufhängen!"
(o-ton herr p.)
da ist die kindertagesstätte von nebenan. din-zertifiziert und unterhalten durch das studentenwerk, dem auch ich meinen halbjährlichen langzeitmitgliedsbeitrag in den hals stopfe, um in den genuss von schmieriger schleimpampe in überfüllten mensen und schleimigen schmierlappen im öffentlichen personennahverkehr zu kommen. mein vormals ausgesprochen großes verständnis für studierende mit kind geht seit spätestens letzter woche gegen null, als die besatzung eines rettungshubschraubers um 4 uhr morgens unseren innenhof mit dem landeplatz am klinikum verwechselt hat.

die aufseherinnen von justin, samantha und wie sie alle heißen tun sich wohl schon vormittags branntwein in den kaffee - denn sonst würden sie mitbekommen, dass ihre flutlichtanlage jede nacht das halbe viertel in gleißende helligkeit versetzt. selbst der energieversorger am anderen ende der stadt kommt vor lachen nicht mehr in den schlaf und verlegt gerade ein neues erdkabel, um den anfallenden gigawattstunden herr zu werden.

um den nachbarn von oben ist es hingegen sehr ruhig geworden. entweder hat er sich endlich das gehirn rausgebohrt und findet die tür nicht mehr, oder unsere gegenfeuer in form von nächtlicher beschallung und exzessiver grillerei zeigen erste wirkung. an schlaf hab ich dabei schon längere zeit nicht mehr gedacht - schließlich muss ja jemand die kontrolle behalten über den wahnwitz, der hier überall stattfindet.

kurz vorm kollaps ertappe ich mich immer häufiger mitten in der nacht im treppenhaus. bekleidet nur mit lederjacke und hochsocken. grillkohle in der einen, sonnenmilch in der anderen hand. dann werde ich frierend wach, drehe den schlüssel und schalte endlich das licht aus in der kita. jeden tag eine gute tat! obwohl... den richtigen pfad zu finden wird sowieso überbewertet.

Montag, 14. Mai 2012

es ist krieg! ein nachtritt.

ich habe es längst gemerkt! du hältst immer eine böse überraschung für mich parat. mit dieser erkenntnis in der bügelfalte wollte ich mich vorbereiten, hoffte gar siegen zu können - doch trotz aller spitzfindigkeit und obacht schlugst du mir jahr für jahr ein schnippchen.

menschen und antworten hast du ja bereits gestohlen - und ich hatte dir verziehen. aber was du dir jetzt herausgenommen hast, geht mir zu weit. klar, dass ich mich bei einem solchen gegner auf immer härtere bandagen einstellen musste - aber so tief unter der gürtellinie?

unfreiwillig auf dem boden der tatsachen zurück nutze ich an dieser stelle doch lieber die letzten noch verbleibenden meter und schwelge wehmütig in erinnerungen an die gemeinsame zeit. wo bin ich nicht überall gewesen mit meinen latschen... quer durch europa haben sie mich getragen. durch vorstellungsgespräche, fußballspiele und nobel-diskotheken. durch städte, seen und moore. berge, täler, pedale und beziehungen wurden durchgestanden. tag und nacht auf busse, züge und taxis gewartet. wind und wetter getrotzt. gelächter und bewunderung geerntet... nein. das ist wahrlich kein würdiges ende!

sicher. man muss sich irgendwann auch von seinen treuesten wegbegleitern trennen und ich gestehe zu meiner schuld, dass ich diesen moment eventuell etwas zu lange hinausgezögert habe. dennoch: aus dem verborgenen stellen nur feiglinge dem tapferen nach! wie einst apollo dem achilles säbelst du mir hinterrücks die pantoffeln von den füßen! hör mal, mai - diese schlacht magst du gewonnen haben, doch der krieg geht weiter!

wenn die maya recht behalten, dann gibts dich im nächsten jahr sowieso nicht mehr - und wenn sie nicht recht behalten, dann stelle ich mich halt dem kampf. lass dir gesagt sein: für das passende schuhwerk ist gesorgt. ich habe nämlich vorhin die kleine fränkische manufaktur ausfindig gemacht, die das - nein mein modell noch immer in altbewährter qualität herstellt. obermaterial und fußbett aus leder mit schweißabsorbierendem kohlevlies. 

bestellt werden die dinger erst nach der trauerzeit im juni - aber dann trete ich dir mit dem magic point fersenpolster gehörig in den arsch! obwohl... arschtritte werden sowieso überbewertet.

Dienstag, 13. März 2012

keksolution

man schnabuliert ja gerne mal zwischendurch. der eine mag zu den abendnachrichten lieber mettwurst vom holzbrett oder schinken hauchdünn - der andere knallt sich lieber ne kanne kartoffelchips oder ein viertel pfund magerquark in den wanst. schokolade, marzipanrolle, gänsebraten oder erdnüsse. schon mal aufgefallen? beim vorabendlichen fernsehgelage schiebt man sich alles mögliche durchs esszimmer - nur kein gebäck. warum ist das so?

nun. dieses krümelige teufelszeug von backwerk landete seit generationen unweigerlich zur hälfte auf teppich, hemd und tagesdecke. wie in einer guten küche konnte man im ganzen haus vom boden essen - nicht weil es dort so sauber war, sondern weil da so viel lag. auch enthielt jeder handelsübliche staubsaugerbeutel dermaßen viel keksgekreusel, dass omas etagere noch bis zu ihrem 50. todestag weiter ihren dienst hätte tun können. spätestens mit der erfindung des beutellosen staubsaugers (und allerspätestens mit dem ökoheucheleigetue) kam es allerdings zu einem wandel in der abendländischen kekskultur.

waren zuvor die gebäckreserven unsichtbar in der milbenschleuder gelagert, konnte ab diesem zeitpunkt plötzlich jeder handlanger, familienangehörige oder sonstwie ungebetene gast die schätze von gestern abend in augenschein nehmen - und tat dies auch, sobald sich die gelegenheit dazu bot. es dauerte keine ganze generation, um das schnüffeln in schubladen durch einen blick in den saugenden wunderapparat zu ersetzen.

fortan wagte es niemand mehr, den guten brei aus spritzgebäckbrösel und mürbeteigstückchen anzusetzen und in die röhre zu schieben. dabei fand der sonst bei familienfeiern als "selbstgebacken" immer so guten absatz. man schämte sich jetzt, die besten krümel noch im sauger gelassen zu haben. man kam sich ertappt vor, den butterkeks mit nur 48 zähnen genossen zu haben. die gäste fühlten sich schlecht bewirtet. daraufhin fanden kekse immer seltener den einzug in unsere wohnungen. zwar hat diese entwicklung kekse frauen in ihrer manipula emanzipa evolution überholen lassen, es bleibt jedoch festzuhalten, dass sie allein aufgrund von beutellosen staubsaugern aus den wohnzimmern verbannt wurden.

selten, ganz selten hat noch jemand bekanntes eltern vom alten schlag, denen technischer fortschritt und eitelkeit weit voraus sind - und dann gibt es sie wieder, die reaktivierten leckereien aus dem staubbeutel. frisch von gestern zu den abendnachrichten. obwohl... nachrichten von gestern werden sowieso überbewertet.

Dienstag, 6. März 2012

ein schlechter guter tag

es ist sieben uhr morgens. nach monaten voller dunkelheit und schrecken scheint es so, als ob der frühling doch tatsächlich den winter vertreibt. krokusse und osterglocken geben sich im saftigen gras des gartens ein stelldichein. über der morgendlichen ruhe liegt nur das freundliche zwitschern der vögel, die ebenso wie ich die frische, klare luft zu schätzen wissen und bereits zu früher stunde bestens gelaunt durch die lüfte tollen. weit und breit keine spur von hektik, stress und ungeziefer. das wird ein guter tag!

bei kaffee und zigarette sitze ich am fenster, folge dem munteren treiben meiner gefiederten freunde und sinniere über das leben. da bemerke ich einen schleier, der die ersten kräftigen sonnenstrahlen des jahres zurück zu halten versucht. kein wunder - habe ich doch seit fast einem jahr die fenster nicht mehr geputzt. licht setzt endorphine frei, also auf ans werk!

eimer und putzmittel sind schnell bereitgestellt. nach dem öffnen der fenster wird der mief des winters unaufhaltsam durch eine kühle, von tatendrang erfüllte luft vertrieben. schon mit dem ersten zug über die scheibe lässt sich ein unterschied wie tag und nacht feststellen. voller eifer werden nun auch rahmen und sogar rollladen vom schmutz der letzten jahre befreit.

im lichtdurchfluteten zimmer gibt sich der staub von vergänglichkeit auf dem mobiliar zu erkennen. überschäumender reinigungszwang veranlasst mich, staubbesen und -tuch zu reaktiveren und schließlich wische ich, was das zeug hält. sauberkeit macht sich breit in meiner bescheidenen behausung.

jetzt fällt mir der teppich ins auge, dessen antlitz im letzten sommer von freunden noch irrtümlich als neuwertig bezeichnet wurde. mit teppichschaum und scheuerschwamm werden zunächst die größten missgeschicke der vergangenen zusammenkünfte beseitigt, um abschließend mit staubsauger und bürste dem flor zu alter beschaulichkeit zu verhelfen.

ich empfinde mich schließlich selbst irgendwie als gegenpol zum strahlenden glanz meiner vier wände und begebe mich, froh so viel geschafft zu haben, unter die dusche. beim abtrocknen macht sich trotz geöffnetem badezimmerfenster eine undankbare stille breit. wo sind die vögel hin? gespannt wische ich mir mit dem handtuch ein kleines sichtfenster in die vom wasserdampf beschlagene scheibe. wo sind die krokusse hin?

ich stürme aus dem bad ins wohnzimmer und sehe gerade noch den wagen unseres gärtners um die ecke biegen. musste dieser satan doch ausgerechnet heute auch so früh aufstehen! mich durchzuckt eine unheilvolle vorahnung - auf dem absatz mache ich kehrt und renne in mein zimmer, wo mich der schlag trifft:

beim öffnen der tür kommt mir eine dichte staub- und aschewolke entgegen. das fenster steht weit offen. des gärtners rasentrimmer hat krokusschnipsel, erde und dreck nicht nur an scheibe und rahmen geschossen, sondern auch bis in die letzte ecke des raumes verteilt. mein gut gefüllter aschenbecher ist mitsamt brennender zigarette vom fensterbrett gefallen und hat bei der aktion auch gleich die kaffeetasse das zeitliche segnen lassen. alles voll mit schmodder und geömmel.

in einer lauwarmen suppe aus asche und kaffee stehend lasse ich langsam den rollladen herunter und lege mich sodann wieder ins bett. was für ein beschissener tag. den nächsten frühjahrsputz verschiebe ich auf einen sonntag, irgendwann im november. obwohl... frühjahrsputz wird sowieso überbewertet.

Samstag, 3. März 2012

nachbarschaft II

hier im bunker herrscht das blanke chaos, aber lasst mich von vorne beginnen...

hausierer stehen aufgrund völlig wahnwitziger namen schon seit jahren verwirrt vorm klingeltableau (bei uns wohnen gott, biene maja und willi). bei der defekten wechselsprechanlage kann man alles mithören und dazwischenfunken. pakete fürs erdgeschoss werden gerne mal im vierten stock abgegeben. der werbefuzzi verteilt regelmäßig reklame für die halbe stadt im hausflur. im modrigen verlies brechen beizeiten die rohre und schaffen ein schwimmbad im keller. gas-, wasser- und stromleitungen wurden von dilettantischen hilfsstümpergehilfen quer durch die zimmer gekloppt. das dach ist undicht, im garten steht seit wochen ne waschmaschine rum - und zu allem überfluss wurde gestern die erste ratte gesichtet.
"wer um himmels willen tut sich das freiwillig an?"
hat mich neulich die knackige kriminalpolizistin gefragt, als die wohl besten kunden des drogenheinis von schräg links oben ihm die bude leergeräumt haben. zugegeben - ich lag auch schon nächtelang wach und habe mir darüber den schädel zerbrochen, ob ich es noch früh genug ins freie schaffe, wenn die balken brechen.

der kerl mit der blonden tuse von unterm dach denkt wohl ähnlich. jedenfalls bohrt der seit mehreren tagen von morgens bis abends an tragenden wänden rum - wahrscheinlich, um sich seine eigene fluchttreppe vors wohnzimmerfenster zu basteln. ich würd mir die ja vor den balkon knallen, denn für was anderes kann man den eh nicht benutzen - die balkontüren lassen sich nur nach außen öffnen...

zurück zum eigentlichen chaos: im hausflur kommt man sich gelegentlich vor wie in der abfertigungshalle eines internationalen großflughafens und im einwohnermeldeamt wurde extra für unsere kaserne eine sachbearbeiterstelle geschaffen, so viele leute ziehen hier ein und aus. das wird in den nächsten wochen nicht besser und ich rate der armen seele da im amt, rest- und jahresurlaub auf die kommenden zwei monate zu verplanen. es haben sich nämlich weitere unbedarfte menschen angekündigt, die hier im domizil der verdammnis ihr lager aufschlagen wollen - dabei platzt die hütte schon aus allen nähten.

es reicht! irgendwo ist eine grenze - und bevor der stahlbeton aus den späten 60er jahren nachgibt, stelle ich lieber schnell meine sieben sachen in den hausflur und ziehe um zum lieben gott. eine etage höher. ohne neue adresse. näher an der fluchttreppe. freiwillig. obwohl... freier wille wird sowieso überbewertet.

Mittwoch, 29. Februar 2012

ein tag für die sinne

es gibt ja sehr viele tage an denen es sinnvoll gewesen wäre, im bett zu bleiben. und dann gibt es wiederum sehr viele tage an denen es sinnvoll gewesen wäre, aufzustehen. nun kann sich von mir aus jeder selbst schönmalen, wann und warum er es für erstrebenswert hält, sich den wahnsinn außerhalb des schlafgemachs anzutun oder sich weiter im milbenparadies zu suhlen - denn fakt ist: einen dieser tage sollte es eigentlich gar nicht geben und heute - am 29. februar - ist dieser tag.

ich hatte ja bereits vom santo padre aus 1582 berichtet - aber welchen blödsinn der eigentlich wirklich verzapft hat, wird mir dann doch erst heute richtig bewusst. man muss sich das mal vorstellen... da wirft sich jemand aufs chaiselongue und sagt:
"so. mir kam grad was in den sinn: ab morgen gibts n neuen kalender - und der gilt für alle zeit. basta."
blöd nur, dass onkel julius ein paar jahre vorher dieselbe idee hatte und mal schnell zehn tage auf den alten römischen kalender draufgeschaufelt hat, der nämlich bis 47 v. chr. angegeben hat, wer zu welchem zeitpunkt sinnlos an den querbalken genagelt wurde. welcher der feinen herren ist uns wohl besser in erinnerung?

gut. jetzt haben wir also die schlamastik und können alle vier jahre einen tag länger auf unser gehalt warten. achso... und natürlich in allen jahren, die durch 400 geteilt eine natürliche zahl ergeben... im moment siehts sogar so aus, als ob erst im jahr 4800 mal ein schalttag das zeitliche segnet, was an den unterschiedlichen längen von sonnen- und kalenderjahr liegen soll. das bedeutet allerdings auch, dass mancheiner dann acht jahre lang offiziell nicht geburtstag feiern darf - und ich zum glück nicht eingeladen werde. ich weiß nicht, ob ich an diesem tag besser im bett bleibe, oder aufstehe...

papa gregor hat sich diesen ganzen quatsch übrigens nur ausgedacht, damit seine mätressen ihm pünktlich zu ostern die eier bemalen - womit wir wieder beim wahnsinn wären. in den supermärkten stehen schon die ersten kinder besinnungslos vor eingeschmolzenen weihnachtsmännern aus dem vorjahr und warten auf die wiederauferstehung. schön! obwohl... sinnbilder werden sowieso überbewertet.

Freitag, 24. Februar 2012

die besten geschöpfe der welt II

"die ameise könnt' viel erzählen,
würd' man zum präsident sie wählen."
jaja... sie ist schon ein fleißiges bienchen, die ameise: die meiste zeit ihres lebens verbringt sie damit, irgendwelches gefissel durch feld und flur zu schleppen oder eindringlinge zu verprügeln - natürlich alles im auftrag ihrer majestät, der ehrwürdigen frau mutter oberin, die sich da in der mitte des nests breit gemacht hat und das eigene leben damit verbringt, fortwährend eier aus sich rauszupumpen.

das ameisenleben ist im gegensatz zum leben der meisten menschen anderen geschöpfe durch struktur und intelligenz geprägt. auf autobahnen gibt es keine staus und unordnung am arbeitsplatz wird sofort beseitigt, damit auch jede arbeiterin pünktlich ihren dienst antreten kann. dieser dienst besteht dann meistens daraus hügel zu bauen, tunnel zu buddeln, kadaver auseinander zu reißen, läuse zu melken oder der königin ein paar pilze zu züchten. und natürlich aus schlepperei. extra hierfür ausgebildete soldatinnen überwachen dieses zippeln und zappeln - und hauen ihren arbeitenden artgenossen was hinter die löffel, wenn sie nicht genug zeug ranschaffen.

ameisen sind also fortschrittlicher als der mensch - und zudem unterwerfen sie seinen fortschritt und untergraben seine irrtümlich angenommene autorität: vielleicht haben ameisen keine gefühle - aber dafür besitzen sie ein paar fühler, die sich als ganz nützliche werkzeuge bei der unermüdlichen nahrungssuche erwiesen haben. geleitet vom duft der vergänglichkeit finden sie jeden noch so verschlungenen pfad durch abwasserleitungen, gummidichtungen und elektropumpen - direkt in die spülmaschine oder den kühlschrank. man hat sogar schon von leuten gehört die beim picknick verhungert sind, weil sie von ameisen an einen anderen ort getragen wurden!
"ob kühlschrank oder spülmaschine,
sie schleppt mehr als die honigbiene!"
ich mag die ameise, auch wenn sie ein wirklich schweres leben hat. tagein und tagaus dieses geschleppe - "das sollte man doch anderen überlassen!" ...dachten sich wohl auch die männchen - und zack - wurden sie von den weibchen fortan nur noch zur begattung benötigt, hinterher rausgeschmissen, verklagt oder sogar gleich gefressen. auch kein schönes leben und irgendwie dann doch so fortschrittlich wie der mensch. obwohl... fortschritt wird sowieso überbewertet.

Mittwoch, 22. Februar 2012

fast 'n sonntag

endlich ist der spuk vorbei! ich wusste in den letzten wochen schon gar nicht mehr, wo ich mich verstecken soll, damit die vermummten gestalten mich mit ihrer gespielten fröhlichkeit in ruhe lassen. egal, wie ihr den tinnef nennt - karneval, fasching oder fastnacht - es ist und bleibt blödsinn, und außerdem war es das schon immer!

ihr heuchelt euch doch selbst die taschen voll: erstens sind genau solche menschen in diesen kokoloresvereinen und -gesellschaften arrangiert, die das ganze jahr über sonst nichts zu lachen haben und stattdessen das denunziantentum im staate am leben halten - und zweitens hat doch keiner von euch deppen auch nur einen blassen schimmer davon, warum ihr eigentlich die ganzen straßen mit konfetti und kamelle vollmüllt. wer von euch hält sich denn ab jetzt die nächsten 40 tage daran, der fleischeslust lust auf fleisch zu entsagen oder, nach luther, wenigstens besonders fromm sonntags in die kirche zu strackseln? geht mal wieder nicht, weil samstag ist da diese betriebsfeier, das straßenfest oder happy-hour in der cocktailbar.

und wie viele von euch sich den ganzen schrott so zurecht legen, wie sie es für richtig halten: "wir? - ja bei uns gibt es sonntags kein fleisch..." junge, junge, junge. ihr zerstört über drei monate den glauben normaler menschen an die menschlichkeit, indem ihr euch benehmt wie die entflohenen aus dem hôpital de la salpêtrière - und im anschluss daran binnen 40 tagen den glauben, den eigentlich ihr haben müsstet noch dazu.

zum glück schlägt euer damoklesschwert euch jedes jahr am aschermittwoch die rübe ab und ruhe kehrt ein in den straßen. endlich kann ich mich wieder auf den nächsten themenabend mit verkleidung freuen und euch, die ihr es wirklich ernst nehmt mit der fastenzeit, unter den tisch trinken - wenn auch nur sonntags. für mich ist heute schon fast so ein sonntag. obwohl... fasten wird sowieso überbewertet.

Sonntag, 19. Februar 2012

optik ist ein scharfes schwert

trage jetzt seit gut zwei jahren eine brille. es ist zwar nicht so, dass ich ohne nasenfahrrad völlig blind durch die gegend latschen würde, aber ich muss dann doch irgendwie zugeben, dass eine interessante signifikante korrelation zwischen brille tragen und dinge sehen besteht.

vor vier jahren etwa hab ich mich mal zum optiker führen lassen, weil ich irgendwann nachts auf der autobahn die richtige ausfahrt nicht erkannt habe und bis holland weitergebrettert bin. der linsenjongleur hat mit mir auch fein die komplette testreihe durchgezogen. als sich jedoch abzeichnete, dass ich student bin und folglich nicht die absicht hatte, einen nennenswerten geldbetrag in diamantgläser und bongossigestelle zu investieren, wurde dann relativ schnell eine vorübergehende sehschwäche - die sogenannte monitorblindheit - diagnostiziert.
"jetzt besser? jetzt besser? hauen sie ab, man!"
im laufe der zeit merkte ich aber, dass diese sehschwäche genauso vorübergehend war, wie "wetten, dass..?" in seinen besten jahren - nämlich gar nicht. länger als ein halbes jahr habe ich morgens keine cornflakes mit milch gegessen, sondern tagliatelle mit mehl. ständig habe ich wildfremde leute angerufen und unter anderem meinen mobilfunkvertrag an die wasserwerke geschickt.

um dem ein ende zu setzen bin ich dann vor zwei jahren eben nochmal in solch ein linsenfachgeschäft gestolpert und habe den insassen unmissverständlich klargemacht, dass ich dieses geschäft nicht verlassen würde, ohne eine horrende summe bargeld in den wind zu schießen - und sei die beratung auch noch so schlecht. fünf minuten wildes rangordnungsgehacke später hat sich schließlich die auszubildende im ersten lehrjahr meiner angenommen und mich in die katakomben des missverständnisses geführt.

unglaublich, was für eine odyssee man aus einem sehtest machen kann, wenn das hilflos darnierderliegende wirtschaftssubjekt keinen plan von brennweite und tiefenschärfe hat - und die auszubildende sogar noch weniger. nach mehreren einstellungen, vor- und zurückgeklappten linsen und lasermessungen erbarmte sich letzten endes doch noch der chef höchstpersönlich und verhalf mir freudestrahlend zu einer amtlichen hornhautverkrümmung bei leichter kurzsichtigkeit.

zurück im verkaufsraum ging die schlacht um den mit dem besten kunden des tages dann in die dritte runde:
"nehmen sie doch dieses gestell hier - das kostet nur 20 euro mehr und unterstreicht ihre hübsche augenpartie!"
"also extra dünne gläser wirken nicht so dick und sind auch nicht so schwer auf der nase..."
"unsere kunden nehmen eigentlich nur noch die vollentspiegelten - regine? haben wir die anderen eigentlich noch im angebot?"
hey! ich hatte bis zu diesem zeitpunkt noch nichtmal sonnenbrillen benutzt - und nun sollte ich mich plötzlich zwischen den höchstechnologischen mega-sehhilfen für diejenige entscheiden, die mein leben grundlegend und nachhaltig verändern sollte...

treues schaufenster in eine unterbelichtete welt.

eine gute woche später konnte ich mir das ophthalmologische kunstwerk zum ersten mal auf den riechkolben setzen - und schlagartig änderte sich mein leben: die auszubildende im ersten lehrjahr war in wirklichkeit reinigungskraft und 57. sie meinte aber trotzdem, dass mir die brille ganz gut stehe und man mich damit bestimmt auch sonst ernster nehmen würde...

ich habe seitdem keine ausfahrt mehr verpasst, so gut gegessen wie selten zuvor und sehe, wen ich nicht anrufen will. nur die rechnung der wasserwerke scheint mir bis heute etwas überzogen. nächste woche gehe ich zum ohrenarzt, denn ich glaube ich habe mich verhört als es hieß, dass sich mein krankenkassenbeitrag in den nächsten monaten verdoppelt. obwohl... immer alles hören zu müssen wird sowieso überbewertet.

Freitag, 17. Februar 2012

aus der konserve gelockt

napoleon, der da einst in russland und wenig später in belgien sein waterloo erlebt hat, könnte sich eine dritte kerbe in den schreibtisch ritzen, wenn er wüsste, was die menschheit aus seiner kohle gemacht hat. 12.000 goldfranc hat er nämlich damals, 1795 und wahrscheinlich in geistiger umnachtung demjenigen versprochen, der ihm ein verfahren liefert, mit dem man die nahrung für soldaten haltbar machen kann.

ein schlauer französischer croissantcreateur hat dann ein paar jahre später das konservieren durch erhitzen in luftdichten glasflaschen "erfunden" und die kohle mit wein, weib und gesang durchgebracht. kurz darauf hat ein noch schlauerer englischer kaufmann (wie es scheint ein feinschmecker vor dem herrn) dieses verfahren weiterentwickelt und schön den matsch von gestern abend in luftdichten blechkanistern eingekocht. zu allem überfluss hat er sich diesen blödsinn aber auch noch patentieren lassen.

ich bin mir sicher: wenn man heutzutage an den kilometerlangen regalwänden mit konservendosen vorbeirennt sind noch immer dosen von vor 200 jahren dazwischen. wenn man ganz viel glück hat erwischt man eine und der enthaltene fraß sieht nicht nur so aus, sondern riecht auch wie vor 200 jahren in einer kleinen englischen pantryküche vom meister selbst gebördelt.

nun ist es mir ja eigentlich schnurzpiepegal, wie futter aus der dose riecht oder aussieht - hauptsache es lässt sich warmmachen und essen. zum warmmachen oder essen kommt es aber meistens gar nicht mehr, weil man sich bereits beim öffnen der konserven den puls auf 200 jagt und kurz vor der einweisung steht. erst die pflicht: hammer, amboss, meißel, schraubenzieher und axt in die küche schleppen, um für die mission dosenöffnung gewappnet zu sein. dann die kür: müllbeutel austauschen (weil die restesuppe raustropfen und sich dabei unaufhaltsam einen weg unter den kühlschrank suchen wird), alles mit folie abdecken und schließlich die dose öffnen.

bei jeder dose "fisch in senf" musst du mit absolut gleichmäßigem kraftaufwand und in einer fließenden bewegung den deckel bis kurz vorm ende hochreißen, damit die sifferei vom druck nicht quer durch die reihenhaussiedlung geschlonzt wird - und trotzdem darfst du die reste mit der gabel noch aus der letzten ecke prökeln, denn mit dem deckel noch an der dose kommst du ja nich überall ran. weil dir dieses problem nicht unbekannt ist, versuchst du jedes mal (jedes mal!) den deckel so weit wie möglich nach hinten zu biegen, ohne dass er abreißt - denn wenn er erstmal abgerissen ist, kannst du auch gleich die küche neu tapezieren.

auch diese neumodischen dosenöffner (wenn man überhaupt einen im bestand hat), bei denen sich niemand mehr die lippen massakriert wenn er die ravioli direkt aus der dose in sich reinkippt, erleichtern uns das leben nicht wirklich. immer sitzt der quark noch unterm deckel - und immer legt man den deckel irgendwo hin, wo er irgendwas anderes einsaut. direkt überm mülleimer kann man ne dose ja nicht öffnen wenn man sicher gehen will, dass der inhalt sich nicht gleich mit ins duale system verabschiedet - und restmüll zum grünen punkt steht sowieso unter strafe.

was gibt es aber für alternativen?

glaskonserven mit metalldeckel geben ihren inhalt nur nach wahl unverhältnismäßiger mittel und übermäßiger härte frei. bis man mal den gummiring ausm weckglas gezogen hat, ist die aus der not heraus gekaufte frischware im kühlschrank bereits vergammelt.

tiefkühlkost in papier- und folienverpackung ist das einzige, was unsere gesellschaft heutzutage überhaupt noch kaufen, öffnen und zubereiten kann, ohne fast vor verzweiflung aus dem fenster zu springen! die hätte napoleon wahrscheinlich auch ganz gut gebrauchen können, als er da 1812 verzweifelt mit seinen konserven in moskau stand und niemand die teile aufbekommen hat. obwohl... verzweiflung wird sowieso überbewertet.

Mittwoch, 15. Februar 2012

abfälliger frieden

nicht nur, dass sich in dieser kommune des glückes ein bundespräsident mal eben 500.000 flocken für eine heimliche heimelige einfamilienfrevelei unter den nagel reißen kann - nein auch sonst gibt es zwischen wiehengebirge und teutoburger wald ganz gerissene ideen. unter anderem hat man hier beschlossen, dass die niederlande sich schön selbst drum kümmern soll, wenn die nordsee bei springtide mal überläuft und das brackwasser denen die tulpen versaut. nach dreißig jahren hauerei zwischen protestanten und katholen, habsburgern und franzosen, don quijote und rosinante, schneeweißchen und rosenrot, hat man sich hier zusammengesetzt und überlegt, dass das so nicht weitergeht. spitzen idee, da im amt!

das mit abstand am gerissenste hier ist jedoch das abfallentsorgungssystem. für die gelben säcke beispielsweise bekommt man hochoffizielle abholkarten. damit rennt man dann zum dealer seines vertrauens, schiebt die karte unauffällig über den tresen und erhält im hinterzimmer pro karte eine rolle gelbe säcke. "na wegen der zweckentfremdung" war die antwort auf meine frage danach, warum ich nicht gleich 4 rollen mitnehmen könne, obwohl ich nur eine abholkarte dabei hatte - immerhin würde ich belegschaft und kunden dann nicht jede woche mit der sackbesorgung aufhalten müssen - wir haben ja sicher alle besseres zu tun, als gelbe säcke von a nach b zu schleppen...

zweckentfremdung? dass ich nicht lache! erstens hat sich die folie in langjährigen testreihen meinerseits ohnehin als semipermeabel von innen nach außen erwiesen, und zweitens reißt einem der plastikscheiß sowieso bei der kleinsten ruckartigen bewegung entzwei und die joghurtpampe liegt im hausflur. wie soll man dieses meisterwerk eines 1,0 ingenieurs denn noch weiter vom zweck entfremden, als es sich das selbst schon tut?

über die letzten monate sammelte ich also abholkarten für gelbe säcke und schlage letzte woche zur stoßzeit an der kasse auf:
"15, nein warten sie, 25 rollen gelbe säcke bitte!"
"das geht nicht! nur in haushaltsüblichen mengen!"
"hören sie mal... ich habe die letzten 6 monate nichts an wertstoffen weggeschmissen, um mir den weg hierher und ihnen die zeit mit mir zu ersparen... sie sollten mal sehen, wie es bei mir zuhause aussieht! und erst der wasserverbrauch! jeden joghurtbecher hab ich ausgewaschen! jedes tamponpapier von unterm hackfleisch zum trocknen auf die heizung gelegt und zum altpapier gegeben! leere milchtüten aufgeschnitten und in die spülmaschine getan, damit nichts schimmelt..."
"nun geben sie ihm doch seine gelben säcke..."
 ...meint plötzlich eine dame von hinten...
"genau! haben sie sich nicht so!"
...sagt der herr, der gerade übers kassenband nach dem kümmerling greift...

ich hab dann die 25 rollen bekommen - und was soll ich sagen... endlich kann ich die säcke so lange doppelt nehmen, bis man das altöl und die autobatterien von außen nicht mehr erkennt. für die gartenarbeit im frühjahr und den umzug sollten auch noch genug übrig bleiben - und wenn nicht, dann müssten in ein paar tagen schon wieder neue abholkarten im postkasten liegen. die beraterinnen am service-telefon der abfallwirtschaftsgesellschaft muss ich nämlich per gerichtsbeschluss für das nachste quartal in frieden lassen. haben ja sicher besseres zu tun, als abholkarten von a nach b zu schicken. obwohl... frieden bei der arbeit wird sowieso überbewertet.

Dienstag, 7. Februar 2012

vom zeit haben

wir haben ja keine zeit mehr! bald ist schon wieder ostern, dann weihnachten, silvester und zack is das jahr um. wie wäre es denn, sich für das nächste jahr mal vorzunehmen, mehr zeit zu haben? oder wenigstens mal so zu tun, als hätte man mehr zeit? ich glaube ja, dass das unser leben ganz schön erleichtern würde. ständig betreten wir freiwillig zeitsysteme, fühlen uns dann darin gefangen und wollen sofort wieder raus. das is doch lächerlich, is das doch!

die allgemeine zeitnot macht sich vor allem in gerade solchen systemen bemerkbar, die mehrere menschen zur selben zeit nutzen. busse zum beispiel. es gibt tatsächlich menschen, die fahren zwei haltestellen mit dem bus, setzen sich aber trotzdem schön weit weg von der tür "noch kurz" hin - bis die türen sich geschlossen haben und der bus abfährt. denn dann stehen sie schweißgebadet auf und rennen zur tür, um ja nicht ihre haltestelle zu verpassen. meistens ist das genau die sorte mensch, dessen wohnung sich exakt in der mitte zwischen zwei bushaltestellen befindet. um einen sitzplatz zu ergattern, wird gerne der fußweg zur "früheren" haltestelle in kauf genommen - und dort dann 10 minuten fluchend auf den bus gewartet. in dieser zeit hätte man zwar bereits den gesamten einkauf zwei haltestellen weiter erledigt haben können, allerdings regt es sich so schlecht auf, so frierend zu fuß.

dann das gehampel an der ampel... wenn die menschheit nicht so dumm wäre wie sie ist, könnten bei grün einfach alle gleichzeitig aufs gas steigen, aber irgendein vollidiot pennt leider immer - und bleibt entweder noch die halbe grünphase stehen oder rasselt seinem vordermann in den fond. gut, dass es die hupe gibt! wer an der ampel hupt, meint in wirklichkeit:
"hey, schaut her! ich bin der trottel, dem es hier zu langsam voran geht - und auch der schwachmat, der vor aufregung dafür die nächste grünphase verpennt!"
stellt euch schön weiter in warteschlangen bei mcdonalds, wenn die kasse nebenan geöffnet ist - und regt euch auf, wenns nicht schnell genug geht! werft der kassiererin böse blicke zu, wenn der kunde vor euch noch die zigaretten haben will, die gerade nicht greifbar sind. verteufelt privatpatienten! steinigt beamte!

mir macht das alles nichts, denn der frühe vogel fängt den wurm! ab jetzt stelle ich mir den wecker auf 5 uhr - und dann wollen wir mal sehen, wer die frischesten brötchen und die ungelesenste zeitung sein eigen nennen darf. außerdem kann ich dann dem werbefuzzi was in die schnauze hauen, der hier jeden tag um kurz nach 7 trotz warnung alle mietparteien ausm schlaf klingelt und unseren hausflur mit altpapier vollschmeißt. ich kann meine pakete persönlich entgegennehmen - und ein vollbad vor sonnenaufgang. ich kriege jeden bus und muss nirgendwo anstehen oder warten. obwohl... zeit zu haben wird sowieso überbewertet.