Freitag, 17. Februar 2012

aus der konserve gelockt

napoleon, der da einst in russland und wenig später in belgien sein waterloo erlebt hat, könnte sich eine dritte kerbe in den schreibtisch ritzen, wenn er wüsste, was die menschheit aus seiner kohle gemacht hat. 12.000 goldfranc hat er nämlich damals, 1795 und wahrscheinlich in geistiger umnachtung demjenigen versprochen, der ihm ein verfahren liefert, mit dem man die nahrung für soldaten haltbar machen kann.

ein schlauer französischer croissantcreateur hat dann ein paar jahre später das konservieren durch erhitzen in luftdichten glasflaschen "erfunden" und die kohle mit wein, weib und gesang durchgebracht. kurz darauf hat ein noch schlauerer englischer kaufmann (wie es scheint ein feinschmecker vor dem herrn) dieses verfahren weiterentwickelt und schön den matsch von gestern abend in luftdichten blechkanistern eingekocht. zu allem überfluss hat er sich diesen blödsinn aber auch noch patentieren lassen.

ich bin mir sicher: wenn man heutzutage an den kilometerlangen regalwänden mit konservendosen vorbeirennt sind noch immer dosen von vor 200 jahren dazwischen. wenn man ganz viel glück hat erwischt man eine und der enthaltene fraß sieht nicht nur so aus, sondern riecht auch wie vor 200 jahren in einer kleinen englischen pantryküche vom meister selbst gebördelt.

nun ist es mir ja eigentlich schnurzpiepegal, wie futter aus der dose riecht oder aussieht - hauptsache es lässt sich warmmachen und essen. zum warmmachen oder essen kommt es aber meistens gar nicht mehr, weil man sich bereits beim öffnen der konserven den puls auf 200 jagt und kurz vor der einweisung steht. erst die pflicht: hammer, amboss, meißel, schraubenzieher und axt in die küche schleppen, um für die mission dosenöffnung gewappnet zu sein. dann die kür: müllbeutel austauschen (weil die restesuppe raustropfen und sich dabei unaufhaltsam einen weg unter den kühlschrank suchen wird), alles mit folie abdecken und schließlich die dose öffnen.

bei jeder dose "fisch in senf" musst du mit absolut gleichmäßigem kraftaufwand und in einer fließenden bewegung den deckel bis kurz vorm ende hochreißen, damit die sifferei vom druck nicht quer durch die reihenhaussiedlung geschlonzt wird - und trotzdem darfst du die reste mit der gabel noch aus der letzten ecke prökeln, denn mit dem deckel noch an der dose kommst du ja nich überall ran. weil dir dieses problem nicht unbekannt ist, versuchst du jedes mal (jedes mal!) den deckel so weit wie möglich nach hinten zu biegen, ohne dass er abreißt - denn wenn er erstmal abgerissen ist, kannst du auch gleich die küche neu tapezieren.

auch diese neumodischen dosenöffner (wenn man überhaupt einen im bestand hat), bei denen sich niemand mehr die lippen massakriert wenn er die ravioli direkt aus der dose in sich reinkippt, erleichtern uns das leben nicht wirklich. immer sitzt der quark noch unterm deckel - und immer legt man den deckel irgendwo hin, wo er irgendwas anderes einsaut. direkt überm mülleimer kann man ne dose ja nicht öffnen wenn man sicher gehen will, dass der inhalt sich nicht gleich mit ins duale system verabschiedet - und restmüll zum grünen punkt steht sowieso unter strafe.

was gibt es aber für alternativen?

glaskonserven mit metalldeckel geben ihren inhalt nur nach wahl unverhältnismäßiger mittel und übermäßiger härte frei. bis man mal den gummiring ausm weckglas gezogen hat, ist die aus der not heraus gekaufte frischware im kühlschrank bereits vergammelt.

tiefkühlkost in papier- und folienverpackung ist das einzige, was unsere gesellschaft heutzutage überhaupt noch kaufen, öffnen und zubereiten kann, ohne fast vor verzweiflung aus dem fenster zu springen! die hätte napoleon wahrscheinlich auch ganz gut gebrauchen können, als er da 1812 verzweifelt mit seinen konserven in moskau stand und niemand die teile aufbekommen hat. obwohl... verzweiflung wird sowieso überbewertet.