Sonntag, 19. Februar 2012

optik ist ein scharfes schwert

trage jetzt seit gut zwei jahren eine brille. es ist zwar nicht so, dass ich ohne nasenfahrrad völlig blind durch die gegend latschen würde, aber ich muss dann doch irgendwie zugeben, dass eine interessante signifikante korrelation zwischen brille tragen und dinge sehen besteht.

vor vier jahren etwa hab ich mich mal zum optiker führen lassen, weil ich irgendwann nachts auf der autobahn die richtige ausfahrt nicht erkannt habe und bis holland weitergebrettert bin. der linsenjongleur hat mit mir auch fein die komplette testreihe durchgezogen. als sich jedoch abzeichnete, dass ich student bin und folglich nicht die absicht hatte, einen nennenswerten geldbetrag in diamantgläser und bongossigestelle zu investieren, wurde dann relativ schnell eine vorübergehende sehschwäche - die sogenannte monitorblindheit - diagnostiziert.
"jetzt besser? jetzt besser? hauen sie ab, man!"
im laufe der zeit merkte ich aber, dass diese sehschwäche genauso vorübergehend war, wie "wetten, dass..?" in seinen besten jahren - nämlich gar nicht. länger als ein halbes jahr habe ich morgens keine cornflakes mit milch gegessen, sondern tagliatelle mit mehl. ständig habe ich wildfremde leute angerufen und unter anderem meinen mobilfunkvertrag an die wasserwerke geschickt.

um dem ein ende zu setzen bin ich dann vor zwei jahren eben nochmal in solch ein linsenfachgeschäft gestolpert und habe den insassen unmissverständlich klargemacht, dass ich dieses geschäft nicht verlassen würde, ohne eine horrende summe bargeld in den wind zu schießen - und sei die beratung auch noch so schlecht. fünf minuten wildes rangordnungsgehacke später hat sich schließlich die auszubildende im ersten lehrjahr meiner angenommen und mich in die katakomben des missverständnisses geführt.

unglaublich, was für eine odyssee man aus einem sehtest machen kann, wenn das hilflos darnierderliegende wirtschaftssubjekt keinen plan von brennweite und tiefenschärfe hat - und die auszubildende sogar noch weniger. nach mehreren einstellungen, vor- und zurückgeklappten linsen und lasermessungen erbarmte sich letzten endes doch noch der chef höchstpersönlich und verhalf mir freudestrahlend zu einer amtlichen hornhautverkrümmung bei leichter kurzsichtigkeit.

zurück im verkaufsraum ging die schlacht um den mit dem besten kunden des tages dann in die dritte runde:
"nehmen sie doch dieses gestell hier - das kostet nur 20 euro mehr und unterstreicht ihre hübsche augenpartie!"
"also extra dünne gläser wirken nicht so dick und sind auch nicht so schwer auf der nase..."
"unsere kunden nehmen eigentlich nur noch die vollentspiegelten - regine? haben wir die anderen eigentlich noch im angebot?"
hey! ich hatte bis zu diesem zeitpunkt noch nichtmal sonnenbrillen benutzt - und nun sollte ich mich plötzlich zwischen den höchstechnologischen mega-sehhilfen für diejenige entscheiden, die mein leben grundlegend und nachhaltig verändern sollte...

treues schaufenster in eine unterbelichtete welt.

eine gute woche später konnte ich mir das ophthalmologische kunstwerk zum ersten mal auf den riechkolben setzen - und schlagartig änderte sich mein leben: die auszubildende im ersten lehrjahr war in wirklichkeit reinigungskraft und 57. sie meinte aber trotzdem, dass mir die brille ganz gut stehe und man mich damit bestimmt auch sonst ernster nehmen würde...

ich habe seitdem keine ausfahrt mehr verpasst, so gut gegessen wie selten zuvor und sehe, wen ich nicht anrufen will. nur die rechnung der wasserwerke scheint mir bis heute etwas überzogen. nächste woche gehe ich zum ohrenarzt, denn ich glaube ich habe mich verhört als es hieß, dass sich mein krankenkassenbeitrag in den nächsten monaten verdoppelt. obwohl... immer alles hören zu müssen wird sowieso überbewertet.