Dienstag, 13. März 2012

keksolution

man schnabuliert ja gerne mal zwischendurch. der eine mag zu den abendnachrichten lieber mettwurst vom holzbrett oder schinken hauchdünn - der andere knallt sich lieber ne kanne kartoffelchips oder ein viertel pfund magerquark in den wanst. schokolade, marzipanrolle, gänsebraten oder erdnüsse. schon mal aufgefallen? beim vorabendlichen fernsehgelage schiebt man sich alles mögliche durchs esszimmer - nur kein gebäck. warum ist das so?

nun. dieses krümelige teufelszeug von backwerk landete seit generationen unweigerlich zur hälfte auf teppich, hemd und tagesdecke. wie in einer guten küche konnte man im ganzen haus vom boden essen - nicht weil es dort so sauber war, sondern weil da so viel lag. auch enthielt jeder handelsübliche staubsaugerbeutel dermaßen viel keksgekreusel, dass omas etagere noch bis zu ihrem 50. todestag weiter ihren dienst hätte tun können. spätestens mit der erfindung des beutellosen staubsaugers (und allerspätestens mit dem ökoheucheleigetue) kam es allerdings zu einem wandel in der abendländischen kekskultur.

waren zuvor die gebäckreserven unsichtbar in der milbenschleuder gelagert, konnte ab diesem zeitpunkt plötzlich jeder handlanger, familienangehörige oder sonstwie ungebetene gast die schätze von gestern abend in augenschein nehmen - und tat dies auch, sobald sich die gelegenheit dazu bot. es dauerte keine ganze generation, um das schnüffeln in schubladen durch einen blick in den saugenden wunderapparat zu ersetzen.

fortan wagte es niemand mehr, den guten brei aus spritzgebäckbrösel und mürbeteigstückchen anzusetzen und in die röhre zu schieben. dabei fand der sonst bei familienfeiern als "selbstgebacken" immer so guten absatz. man schämte sich jetzt, die besten krümel noch im sauger gelassen zu haben. man kam sich ertappt vor, den butterkeks mit nur 48 zähnen genossen zu haben. die gäste fühlten sich schlecht bewirtet. daraufhin fanden kekse immer seltener den einzug in unsere wohnungen. zwar hat diese entwicklung kekse frauen in ihrer manipula emanzipa evolution überholen lassen, es bleibt jedoch festzuhalten, dass sie allein aufgrund von beutellosen staubsaugern aus den wohnzimmern verbannt wurden.

selten, ganz selten hat noch jemand bekanntes eltern vom alten schlag, denen technischer fortschritt und eitelkeit weit voraus sind - und dann gibt es sie wieder, die reaktivierten leckereien aus dem staubbeutel. frisch von gestern zu den abendnachrichten. obwohl... nachrichten von gestern werden sowieso überbewertet.

Dienstag, 6. März 2012

ein schlechter guter tag

es ist sieben uhr morgens. nach monaten voller dunkelheit und schrecken scheint es so, als ob der frühling doch tatsächlich den winter vertreibt. krokusse und osterglocken geben sich im saftigen gras des gartens ein stelldichein. über der morgendlichen ruhe liegt nur das freundliche zwitschern der vögel, die ebenso wie ich die frische, klare luft zu schätzen wissen und bereits zu früher stunde bestens gelaunt durch die lüfte tollen. weit und breit keine spur von hektik, stress und ungeziefer. das wird ein guter tag!

bei kaffee und zigarette sitze ich am fenster, folge dem munteren treiben meiner gefiederten freunde und sinniere über das leben. da bemerke ich einen schleier, der die ersten kräftigen sonnenstrahlen des jahres zurück zu halten versucht. kein wunder - habe ich doch seit fast einem jahr die fenster nicht mehr geputzt. licht setzt endorphine frei, also auf ans werk!

eimer und putzmittel sind schnell bereitgestellt. nach dem öffnen der fenster wird der mief des winters unaufhaltsam durch eine kühle, von tatendrang erfüllte luft vertrieben. schon mit dem ersten zug über die scheibe lässt sich ein unterschied wie tag und nacht feststellen. voller eifer werden nun auch rahmen und sogar rollladen vom schmutz der letzten jahre befreit.

im lichtdurchfluteten zimmer gibt sich der staub von vergänglichkeit auf dem mobiliar zu erkennen. überschäumender reinigungszwang veranlasst mich, staubbesen und -tuch zu reaktiveren und schließlich wische ich, was das zeug hält. sauberkeit macht sich breit in meiner bescheidenen behausung.

jetzt fällt mir der teppich ins auge, dessen antlitz im letzten sommer von freunden noch irrtümlich als neuwertig bezeichnet wurde. mit teppichschaum und scheuerschwamm werden zunächst die größten missgeschicke der vergangenen zusammenkünfte beseitigt, um abschließend mit staubsauger und bürste dem flor zu alter beschaulichkeit zu verhelfen.

ich empfinde mich schließlich selbst irgendwie als gegenpol zum strahlenden glanz meiner vier wände und begebe mich, froh so viel geschafft zu haben, unter die dusche. beim abtrocknen macht sich trotz geöffnetem badezimmerfenster eine undankbare stille breit. wo sind die vögel hin? gespannt wische ich mir mit dem handtuch ein kleines sichtfenster in die vom wasserdampf beschlagene scheibe. wo sind die krokusse hin?

ich stürme aus dem bad ins wohnzimmer und sehe gerade noch den wagen unseres gärtners um die ecke biegen. musste dieser satan doch ausgerechnet heute auch so früh aufstehen! mich durchzuckt eine unheilvolle vorahnung - auf dem absatz mache ich kehrt und renne in mein zimmer, wo mich der schlag trifft:

beim öffnen der tür kommt mir eine dichte staub- und aschewolke entgegen. das fenster steht weit offen. des gärtners rasentrimmer hat krokusschnipsel, erde und dreck nicht nur an scheibe und rahmen geschossen, sondern auch bis in die letzte ecke des raumes verteilt. mein gut gefüllter aschenbecher ist mitsamt brennender zigarette vom fensterbrett gefallen und hat bei der aktion auch gleich die kaffeetasse das zeitliche segnen lassen. alles voll mit schmodder und geömmel.

in einer lauwarmen suppe aus asche und kaffee stehend lasse ich langsam den rollladen herunter und lege mich sodann wieder ins bett. was für ein beschissener tag. den nächsten frühjahrsputz verschiebe ich auf einen sonntag, irgendwann im november. obwohl... frühjahrsputz wird sowieso überbewertet.

Samstag, 3. März 2012

nachbarschaft II

hier im bunker herrscht das blanke chaos, aber lasst mich von vorne beginnen...

hausierer stehen aufgrund völlig wahnwitziger namen schon seit jahren verwirrt vorm klingeltableau (bei uns wohnen gott, biene maja und willi). bei der defekten wechselsprechanlage kann man alles mithören und dazwischenfunken. pakete fürs erdgeschoss werden gerne mal im vierten stock abgegeben. der werbefuzzi verteilt regelmäßig reklame für die halbe stadt im hausflur. im modrigen verlies brechen beizeiten die rohre und schaffen ein schwimmbad im keller. gas-, wasser- und stromleitungen wurden von dilettantischen hilfsstümpergehilfen quer durch die zimmer gekloppt. das dach ist undicht, im garten steht seit wochen ne waschmaschine rum - und zu allem überfluss wurde gestern die erste ratte gesichtet.
"wer um himmels willen tut sich das freiwillig an?"
hat mich neulich die knackige kriminalpolizistin gefragt, als die wohl besten kunden des drogenheinis von schräg links oben ihm die bude leergeräumt haben. zugegeben - ich lag auch schon nächtelang wach und habe mir darüber den schädel zerbrochen, ob ich es noch früh genug ins freie schaffe, wenn die balken brechen.

der kerl mit der blonden tuse von unterm dach denkt wohl ähnlich. jedenfalls bohrt der seit mehreren tagen von morgens bis abends an tragenden wänden rum - wahrscheinlich, um sich seine eigene fluchttreppe vors wohnzimmerfenster zu basteln. ich würd mir die ja vor den balkon knallen, denn für was anderes kann man den eh nicht benutzen - die balkontüren lassen sich nur nach außen öffnen...

zurück zum eigentlichen chaos: im hausflur kommt man sich gelegentlich vor wie in der abfertigungshalle eines internationalen großflughafens und im einwohnermeldeamt wurde extra für unsere kaserne eine sachbearbeiterstelle geschaffen, so viele leute ziehen hier ein und aus. das wird in den nächsten wochen nicht besser und ich rate der armen seele da im amt, rest- und jahresurlaub auf die kommenden zwei monate zu verplanen. es haben sich nämlich weitere unbedarfte menschen angekündigt, die hier im domizil der verdammnis ihr lager aufschlagen wollen - dabei platzt die hütte schon aus allen nähten.

es reicht! irgendwo ist eine grenze - und bevor der stahlbeton aus den späten 60er jahren nachgibt, stelle ich lieber schnell meine sieben sachen in den hausflur und ziehe um zum lieben gott. eine etage höher. ohne neue adresse. näher an der fluchttreppe. freiwillig. obwohl... freier wille wird sowieso überbewertet.