Samstag, 3. März 2012

nachbarschaft II

hier im bunker herrscht das blanke chaos, aber lasst mich von vorne beginnen...

hausierer stehen aufgrund völlig wahnwitziger namen schon seit jahren verwirrt vorm klingeltableau (bei uns wohnen gott, biene maja und willi). bei der defekten wechselsprechanlage kann man alles mithören und dazwischenfunken. pakete fürs erdgeschoss werden gerne mal im vierten stock abgegeben. der werbefuzzi verteilt regelmäßig reklame für die halbe stadt im hausflur. im modrigen verlies brechen beizeiten die rohre und schaffen ein schwimmbad im keller. gas-, wasser- und stromleitungen wurden von dilettantischen hilfsstümpergehilfen quer durch die zimmer gekloppt. das dach ist undicht, im garten steht seit wochen ne waschmaschine rum - und zu allem überfluss wurde gestern die erste ratte gesichtet.
"wer um himmels willen tut sich das freiwillig an?"
hat mich neulich die knackige kriminalpolizistin gefragt, als die wohl besten kunden des drogenheinis von schräg links oben ihm die bude leergeräumt haben. zugegeben - ich lag auch schon nächtelang wach und habe mir darüber den schädel zerbrochen, ob ich es noch früh genug ins freie schaffe, wenn die balken brechen.

der kerl mit der blonden tuse von unterm dach denkt wohl ähnlich. jedenfalls bohrt der seit mehreren tagen von morgens bis abends an tragenden wänden rum - wahrscheinlich, um sich seine eigene fluchttreppe vors wohnzimmerfenster zu basteln. ich würd mir die ja vor den balkon knallen, denn für was anderes kann man den eh nicht benutzen - die balkontüren lassen sich nur nach außen öffnen...

zurück zum eigentlichen chaos: im hausflur kommt man sich gelegentlich vor wie in der abfertigungshalle eines internationalen großflughafens und im einwohnermeldeamt wurde extra für unsere kaserne eine sachbearbeiterstelle geschaffen, so viele leute ziehen hier ein und aus. das wird in den nächsten wochen nicht besser und ich rate der armen seele da im amt, rest- und jahresurlaub auf die kommenden zwei monate zu verplanen. es haben sich nämlich weitere unbedarfte menschen angekündigt, die hier im domizil der verdammnis ihr lager aufschlagen wollen - dabei platzt die hütte schon aus allen nähten.

es reicht! irgendwo ist eine grenze - und bevor der stahlbeton aus den späten 60er jahren nachgibt, stelle ich lieber schnell meine sieben sachen in den hausflur und ziehe um zum lieben gott. eine etage höher. ohne neue adresse. näher an der fluchttreppe. freiwillig. obwohl... freier wille wird sowieso überbewertet.