Sonntag, 3. Juni 2012

wenn sie das haus verlässt I

das frühstück heute morgen brachte mich auf die hanebüchene idee, einen vor jahren begonnenen eintrag zu ende zu schreiben - ein unterfangen, das ich bislang relativ gut zu umkurven und vermeiden verstand. in der rückschau kommen ja sogar mir die meisten texte recht seltsam vor. trotzdem verabschiede ich mich ungern von ideen. vor allem, wenn sie durch gewisse anonymisierungsmaßnahmen auf bestimmte personen und gruppen zurückgeführt werden können. hier schreibe ich nun im namen all derer, die einen verlorengeglaubten teil ihres seelenfriedens erst dann finden, wenn der drache am frühen morgen das haus mit den worten
"ich fahr dann mal zu meinen eltern. bis dann!"
verlässt. ich habe mich beim verfassen an den ergebnissen empirischer sozialforschung orientiert und kann mit gutem gewissen behaupten, dass ich ganz anders bin. alleine schon, weil ausnahmen die regel bestätigen:

die tür fällt ins schloss. ruhe is. um den schein zu wahren hast du natürlich auch an diesem denkwürdigen tag die alte alleine frühstücken lassen und nur höflichkeitshalber mit furchen im gesicht und schlaf im auge bis zu diesem zeitpunkt am küchentisch herumgelungert. deinen kaffee nippend und noch nicht ganz sauber in der birne schmachtest du die reste der aufbackbrötchen an und hoffst, dass die florence nightingale des hauses vor der abreise die vorratskammer nochmal ordentlich aufgestockt hat. ein blick in den kühlschrank verschafft dir schnelle ernüchterung. war ja nicht anders zu erwarten...
"mehr freiheit schafft mehr vertrauen",
murmelst du leise vor dich hin. das vertrauen der verschwundenen patriarchin darauf, dass du schon selbst weißt, wie man ohne frondienste überlebt, wird mit einem tiefen schluck direkt aus der bio-milchtüte heruntergespült. was nicht klumpig ist, kann schließlich nicht schlecht sein. vertrauen in das mindesthaltbarkeitsdatum und die kühlleistung des nagelneuen a++-gerätes schon gar nicht. während du dir eine scheibe cervelatwurst ins esszimmer schiebst, sondierst du kurz dein kulinarisches schicksal. an feiertagen bleiben halbfettmargarine und gemüse unangetastet, so viel steht fest. viel mehr zu tasten gibts dann aber auch nicht. was bringt einem der teuerste, aber dafür stromsparendste apparat auf dem markt, wenn er nicht einmal bis zur hälfte gefüllt ist? noch schnell ein stück vom gouda abgebissen, wankst du fürs erste zurück ins schlafzimmer.

nach kurzer überlegung entscheidest du dich hier für die klamotten von gestern, die verstreut auf dem fußboden liegen. schließlich wurde dir am vorabend nach der flasche cabernet im zustand ungewohnter entschlussfreudigkeit das versprechen abgerungen, die wohnung zukünftig in halbwegs aufgeräumtem zustand zu halten. außerdem erwartest du heute keinen besuch. bei der gelegenheit nimmst du dir vor, endlich das regal ihrer königlichen hoheit an die wohnzimmerwand zu bringen,
"...und dieser hässliche dispersionsunfall, den du dir mit deiner schlampe von ex damals zusammen ausgesucht hast, verschwindet gefälligst auch bald aus dem flur!"
...erinnerst du dich fragmentär an den gescheiterten versuch, das allabendliche wortgefecht vor dem einschlafen zu gewinnen. ihr radiowecker schmeißt dir in glühend roten ziffern die zeit ins gesicht. punkt 9 uhr. du legst dich kurz nochmal auf die neue bettwäsche aus mikrofaser, unter der du seit kurzem so schwitzen musst. mit dem gedanken an dein altes bett, das unten an der straße steht und sich wahrscheinlich auch gerade an bessere zeiten erinnert, schläfst du ein. jök is schlimmer as pien!